Feedback und professionelle Entwicklung
Lesedauer ca. 6 Minuten · Für alle Fächer und Schularten
Die Stunde ist vorbei. Man setzt sich mit der Ausbilderin zusammen und dann kommt Feedback, das wehtut. Zu wenig Differenzierung. Die Eröffnung war zu lang. Der rote Faden hat gefehlt. Wie man mit diesen Momenten umgeht, entscheidet darüber, wie schnell man als Lehrperson wächst.
Warum Kritik im Ref. so schwer wiegt - Wenn Feedback persönlich klingt, obwohl es das nicht ist
Ein Unterrichtsbesuch ist kein normales Arbeitsgespräch. Man hat Stunden vorbereitet, ist vor einer Klasse gestanden, hat sich gezeigt und wird nun beurteilt. Das Feedback trifft deshalb nicht nur die Stunde. Es trifft das eigene Bild von sich als Lehrperson.
Dieses Gefühl ist normal. Und es ist wichtig, es zu kennen, um nicht in eine defensive Haltung zu fallen, die echtes Lernen verhindert. Kritik am Unterricht ist nie Kritik am Menschen, auch wenn sie sich so anfühlt.
Grundhaltung
Ausbilderinnen und Ausbilder geben Feedback, um zu helfen, nicht um zu verletzen. Wer das verinnerlicht hat, hört anders zu.
Während des Gesprächs - Was in der Nachbesprechung wirklich hilft
Die Nachbesprechung direkt nach dem Besuch ist oft emotional aufgeladen. Man ist müde, angespannt und gleichzeitig gefordert, professionell aufzutreten. Ein paar einfache Verhaltensweisen machen den Unterschied.
- Zuhören, bevor man antwortet: Nicht unterbrechen, nicht sofort erklären. Feedback braucht Raum. Wer zu früh verteidigt, hört nicht mehr zu.
- Notizen machen: Auch wenn es sich komisch anfühlt, mitschreiben zeigt Ernsthaftigkeit und hilft, Details nicht zu vergessen.
- Nachfragen statt schweigen: Fragen wie 'Können Sie das konkretisieren?' zeigen Reflexionsbereitschaft und liefern nützlicheres Feedback.
- Nicht sofort bewerten: Eine Nacht darüber schlafen, bevor man urteilt. Das Gespräch endet, aber die Einordnung braucht Zeit.
- Positives aktiv aufnehmen: Menschen neigen dazu, Kritik zu gewichten und Lob zu vergessen. Auch Stärken gehören in die Notizen.
Kritik umdeuten - Dieselben Worte, zwei verschiedene Wirkungen
Wie man Feedback innerlich formuliert, bestimmt, was daraus wird: ein Angriff oder eine Information.
Gehört als Angriff: Die Einstiegsphase war viel zu lang - Ich kann keine Zeit einteilen.
Gehört als Information: Die Einstiegsphase war zu lang - Ich lerne, Phasen besser zu timen.
Gehört als Angriff: Der rote Faden hat gefehlt - Meine Planung ist grundlegend schlecht.
Gehört als Information: Der rote Faden hat gefehlt - Ich arbeite am Lernziel als Kompass.
Gehört als Angriff: Differenzierung kaum sichtbar - Ich bin noch keine gute Lehrperson.
Gehört als Information: Differenzierung kaum sichtbar - Eine konkrete Baustelle für die nächste Stunde.
"Feedback ist keine Beurteilung der Person. Es ist eine Momentaufnahme einer Stunde und eine Einladung zur Weiterentwicklung."
Nach dem Gespräch - Was man mit dem Feedback macht
Die Nachbesprechung ist vorbei. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: das Feedback in echte Entwicklung übersetzen. Wer Kritik nur erlebt, aber nicht verarbeitet, bleibt auf der Stelle.
- Notizen sichten: Am Abend nach dem Besuch, wenn der erste emotionale Druck gewichen ist. Was ist wirklich hängen geblieben?
- Einen Punkt auswählen: Nicht alles auf einmal angehen. Wer drei Baustellen gleichzeitig bearbeitet, schließt keine ab.
- Konkret werden: Nicht 'ich arbeite an meiner Klassenführung', sondern 'ich führe ein Stopp-Signal ein'.
- Mit Kolleg*innen sprechen: Mitreferendare kennen dieselben Situationen. Austausch normalisiert und gibt Perspektive.
- Fortschritt dokumentieren: Ein kurzes Lerntagebuch zeigt, was sich verändert hat. Wachstum ist im Alltag schwer zu sehen.
Wenn Feedback unfair wirkt
Manchmal ist Kritik unpräzise, widersprüchlich oder schlicht subjektiv. Dann darf man nachfragen. Ruhig, respektvoll, konkret. Professionelles Feedback ist ein Dialog, kein Monolog.
Wer Kritik aushält, wächst schneller
Die Referendarinnen und Referendare, die am schnellsten besser werden, sind nicht diejenigen mit den wenigsten Fehlern, sondern diejenigen, die aus jedem Besuch etwas mitnehmen. Kritik ist kein Urteil über das, was man ist. Sie ist ein Hinweis auf das, was man werden kann. Wer lernt, Feedback zu empfangen, ohne sich darin zu verlieren, hat eine der wichtigsten Kompetenzen des Lehrberufs erworben.