Lerntypen
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Fast jede Lehrperson hat davon gehört. Manche glauben daran. Einige planen ihren Unterricht danach. Und doch: Die Lerntypentheorie, die Idee, dass Menschen entweder visuell, auditiv, lese-/schreiborientiert oder kinästhetisch lernen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ein Blick auf das, was die Forschung wirklich sagt.
Was die Theorie besagt - Der VARK-Mythos und seine Verbreitung
Die bekannteste Version der Lerntypentheorie stammt vom neuseeländischen Pädagogen Neil Fleming, der in den 1980er Jahren das VARK-Modell entwickelte: Visual, Auditory, Reading/Writing, Kinaesthetic. Die Grundannahme: Jeder Mensch lernt bevorzugt auf einem dieser Kanäle und lernt am besten, wenn der Unterricht diesen Kanal anspricht. Die Theorie klingt plausibel. Sie gibt Lehrpersonen ein Schema an die Hand, erklärt scheinbar, warum manche Schülerinnen und Schüler schlecht abschneiden, und bietet einen Ansatz für Differenzierung. Sie hat sich deshalb weltweit in Seminaren, Lehrerfortbildungen und Schulentwicklungskonzepten verbreitet.
Das Problem: Die empirische Grundlage fehlt.
Das Kernproblem
Nicht nur, dass kein verlässlicher Test existiert, der den 'Lerntyp' einer Person zuverlässig bestimmt es fehlt auch der Nachweis, dass lerntypengerechter Unterricht tatsächlich zu besseren Ergebnissen führt. Beides zusammen macht die Theorie didaktisch wertlos.
Was die Forschung sagt - Studien. die die Theorie widerlegen
Seit den 1990er Jahren wurde die Lerntypentheorie in zahlreichen Studien untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Menschen konsistente Lerntypen haben oder dass sie besser lernen, wenn der Unterricht auf ihren vermeintlichen Typ abgestimmt wird. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Pashler et al. (2008) in der Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest untersuchte systematisch, ob die sogenannte 'Meshing Hypothesis' empirisch belegt ist, die Annahme also, dass Lernende besser abschneiden, wenn Unterrichtsmethode und Lerntyp übereinstimmen. Das Fazit der Autorinnen und Autoren war klar:
Die Hypothese ist nicht belegt. Wer Unterricht nach Lerntypen plant, verschwendet Zeit und Ressourcen ohne nachweisbaren Nutzen.
Ein wichtiger Hinweis: Die Lerntypentheorie zu widerlegen, bedeutet nicht, dass alle Schülerinnen und Schüler gleich lernen. Individuelle Unterschiede im Lernen sind real und bedeutsam, sie folgen nur nicht dem VARK-Schema.
Was stattdessen funktioniert - Was die Lernforschung wirklich empfiehlt
Die gute Nachricht: Es gibt eine Fülle an gut belegten Erkenntnissen darüber, was Lernen tatsächlich fördert. Diese Erkenntnisse sind weniger eingängig als die Lerntypentheorie, aber sie wirken.
01 Vorwissen aktivieren
Neues Wissen verankert sich am besten an bestehendem. Wer weiß, was Schülerinnen und Schüler bereits können, kann effektiver anknüpfen
02 Verteiltes Lernen statt Massen-Lernen
Lerninhalte, die über mehrere Einheiten verteilt wiederholt werden, bleiben besser im Gedächtnis als solche, die einmalig intensiv behandelt werden (Spacing Effect).
03 Abrufübungen einbauen
Wer Wissen aktiv abruft, durch Tests, Quizze, freies Erinnern, behält es besser, als wer es wiederholt passiv liest oder hört (Testing Effect).
04 Kognitiv herausfordern
Aufgaben, die echtes Nachdenken erfordern, fördern tieferes Verstehen als solche, die nur Reproduktion verlangen. Kognitive Aktivierung ist ein zentraler Lernfaktor.
05 Direktes und zeitnahes Feedback geben
Feedback ist einer der wirksamsten Faktoren für Lernfortschritt, aber nur, wenn es spezifisch, zeitnah und handlungsorientiert ist.
06 Multimedialität sinnvoll nutzen
Nicht weil jeder einen Lerntyp hat, sondern weil die Kombination von Text, Bild und Handlung das Verstehen für alle vertieft. Multimedialität ist universell wirksam, nicht typspezifisch.